19.05.2020 09:05 Alter: 53 days
Kategorie: Artikel, Cranach-Städte, Nürnberg

Kritischer Katalog der Luther-Bildnisse (1519–1530)

Ein hochkarätiges Forschungsprojekt


Die Bedeutung Martin Luthers für die Religions- und Kulturgeschichte ist unbestritten. Wenige Menschen seiner Zeit wurden so häufig porträtiert. Aber anders als seine literarischen Werke sind die für seine Wirkung ebenso wichtigen zeitgenössischen Porträts seiner Person bislang jedoch weder vollständig gesammelt, noch kritisch erschlossen worden. Nicht erst seit dem Reformationsjubiläum 2017 wurden und werden diese Bildnisse weltweit massenmedial präsentiert und vermarktet, obwohl über die Art und Weise ihrer Nutzung, ihre Datierung und ihre Authentizität teilweise Unklarheit herrscht. Jüngere Untersuchungen zeigten, dass einzelne als authentisch geltende Werke später als angenommen gefertigt wurden und damit der nachträglichen Überhöhung des Reformators zu dienen scheinen.
Seit Juni 2018 untersucht ein am Germanischen Nationalmuseum Nürnberg angesiedeltes und von der Leibniz-Gemeinschaft geförderter Forschungsprojekt die Bildnisse Martin Luthers im Bereich der Malerei und Druckgraphik. Auf der Grundlage eines interdisziplinären Ansatzes, der die Bereich Kunstgeschichte, Kunsttechnologie, Kirchengeschichte und Informatik umfasst, ist es Ziel des Projekts, zu einem kritischen Katalog der Luther-Bildnisse für die Jahre 1519 bis 1530 zu gelangen. Das Projekt stellt eine Kooperation zwischen dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Technischen Hochschule Köln dar.

Luther als Augustinermönch (Foto: GNM / Georg Janßen)

 

Das frühneuzeitliche Bildnis am Beispiel Luthers

Durch den glücklichen Umstand, dass bis heute besonders viele Bildnisse Martin Luthers erhalten sind, kann das Projekt durch ihre Untersuchung Hinweise auf grundsätzliche Fragen zum Bildnis in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts beantworten. Was war der Anlass für die Verwendung eines Bildnisses? Wie wurde es verwendet? Unter welchen Umständen ist es entstanden? Welche Ziele verfolgen Künstler oder Auftraggeber mit dem Bildnis? Muss Luther dem Künstler zwingend persönlich begegnet sein um porträtiert zu werden?

Neue Ansätze der Materialerschließung durch die Informatik

Die Vielzahl der erhaltenen Luther-Bildnisse stellt das Projekt vor besondere Herausforderungen. Hier finden sowohl etablierte Methoden der Mustererkennung als auch neueste Ansätze aus dem Bereich neuronaler Netzwerke Anwendung. Diese erlauben es, hochauflösende Aufnahmen der Gemälde und druckgraphischen Werke objektiv hinsichtlich ihrer Ähnlichkeit durch einen automatisierten Vergleich zu analysieren. Voraussetzung hierfür ist die Bildregistrierung, die er erlaubt, Bildnisse automatisiert übereinander zu legen. Durch den Ähnlichkeitsvergleich lassen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten um z. B. zu untersuchen, wo sich die hölzernen Druckblöcke oder die metallenen Druckplatten über die Jahre durch die häufige Verwendung abgenutzt haben. Ein Fokus des Ähnlichkeitsvergleichs liegt in der Untersuchung, inwieweit die Cranach-Werkstatt serielle Produktionsweisen anwandte um die häufig wiederkehrenden Motive sowohl innerhalb einer Gattung als auch auf ein neues Medium zu übertragen (z. B. Druckgraphik zu Gemälde oder vice versa).

Das Beispiel basiert auf Lucas Cranach d. Ä. / Werkstatt: Posthumes Bildnis Martin Luthers als Augustinermönch, nach 1546 Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
Leihgabe der Paul Wolfgang Merkelschen Familienstiftung (Foto: GNM / Georg Janßen)

Kunsttechnologische Untersuchung

Die Grundlage für einen kritischen Katalog bildet die Untersuchung der Werke in den jeweiligen Sammlungen mit Hilfe von naturwissenschaftlichen Methoden. Das Team aus Forscher*innen bereist gegenwärtig europaweit die Sammlungen, in denen sich die wichtigsten Bildnisse befinden, untersucht sie vor Ort und wertet die Untersuchungen anschließend gemeinsam aus.
Dabei werden die für die Bildnisse verwendeten Materialien analysiert, etwa die Art und das Alter des Holzes, aus dem die Gemälde gefertigt wurden oder die Struktur und Beschaffenheit des für die Drucke herangezogenen Papiers. Röntgen- oder Infrarotstrahlung können Schichten dieser sogenannten „Bildträger“ sichtbar machen, die dem bloßen Auge verschlossen bleiben. Sie bieten Möglichkeiten, den Entstehungsprozess der Werke zu rekonstruieren, ihre Komposition nachzuvollziehen oder etwaige spätere Veränderungen zu lokalisieren.

Quellen neu gesichtet

Die Schriften Martin Luthers wurden seit 1519 oft mit gedruckten Bildnissen des Autors versehen. Wenn diese Schriften vom Drucker datiert wurden, lassen sich auch die darin enthaltenen Bildnisse datieren und so in ein Netzwerk relativer Verwandtschaftsgrade zueinander bringen. Das Projekt erfasst und analysiert auch diese Bildnisse. Außerdem sichtet das Team schriftliche Quellen, die Hinweise zur Entstehung, dem Gebrauch und der Verwendung der Luther-Darstellungen bis 1530 geben. Dazu gehören z. B. zeitgenössische Berichte über die Verehrung oder die Verbrennung von Luther-Bildnissen.