28.02.2013 10:28 Alter: 6 yrs
Kategorie: Artikel, Neustadt an der Orla

Das Cranach-Jahr in Neustadt an der Orla – Interview mit Kulturamtsleiter Ronny Schwalbe

Neustadt an der Orla feiert 2013 ein Cranach-Jahr mit zahlreichen Kulturveranstaltungen. Wir haben mit dem Organisator Ronny Schwalbe über die geplanten Aktivitäten gesprochen. Der Historiker und Kirchenmusiker leitet das Kultur- und Tourismusamt der thüringischen Stadt.


Cranach-Magazin: Sie feiern in diesem Jahr ein Cranach-Jubiläum. Was bietet Neustadt seinen Besuchern zum Thema Lucas Cranach?

Ronny Schwalbe: 2013 ist für uns ein ganz besonderes Jahr: Vor 500 Jahren wurde in der Stadtkirche St. Johannis der Altar Lucas Cranachs d.Ä. geweiht. Für das freudige Jubiläum hat die Stadt Neustadt gemeinsam mit der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde und dem Förderverein für Stadtgeschichte ein umfangreiches Programm geplant. Das gesamte Jahr über werden Lesungen, Konzerte und Führungen stattfinden, ein Renaissance-Markt und Gottesdienste zum Thema sowie eine wissenschaftliche Tagung.

CM: Ein großes Ereignis für ihre Stadt! Mit welchem Konzept sind Sie an die Planung herangegangen?

RS: Das Besondere ist die Vielfalt, mit der wir dem Thema begegnen. Dabei sind Kunst, Musik und Geschichte die tragenden Säulen. Die verschiedenen Aspekte wirken zusammen und lassen Cranach, sein Werk und seine Zeit sinnlich erlebbar werden. Dabei stehen die authentischen Orte im Fokus. Es braucht keine große Konzerthalle, kein gigantisches Museum und kein „Oktoberfest-Feeling“. Wir kommen sehr gut mit dem besonderen Reiz der authentischen Orte aus; mit der Intimität einer Kleinstadt; mit der Liebe der Menschen zu ihrer Stadt und den vielen unterschiedlichen Weisen, sich dem Cranach-Altar zu nähern. So rückt dieses Glaubenszeugnis, dieses Kunstwerk in den Mittelpunkt.

CM: Sie sprechen von „authentischen Orten“, was kann man sich darunter vorstellen?

RS: „Authentische Orte“ sind steinerne Zeugen, die zur Zeit der Altarweihe dieser Stadt bereits ein Gesicht gegeben haben. An erster Stelle ist natürlich die Stadtkirche St. Johannis zu nennen, wo der große von Cranach geschaffene Altar seit nunmehr 500 Jahren unverrückt an seinem Platz steht, und in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirchplatz. Dort werden wir zu einer Veranstaltung ein Glaszelt aufbauen, sodass man während des Konzertes den steten Blick auf die Kirche hat. Zudem findet auf dem Kirchplatz ein Renaissance-Markt statt. Die „Fleischbänke“, die mittelalterliche Ladenstraße, führt hinüber zum großen Markt mit dem spätmittelalterlichen Rathaus. Weitere authentische Orte in der Stadt sind das Lutherhaus, die Klosterkirche der Augustiner-Eremiten, die Stadtmauer und die Hospitalkirche.

CM: Welche Rolle spielt Cranach in diesem reichen historischen Erbe?

RS: Im Museum für Stadtgesichte eröffnet im September die Ausstellung „Eine Stadt und ihr Altar“, die auch die bewegte Geschichte des Altars dokumentiert. Im Museum ist zudem dauerhaft ein Cranach-Zimmer eingerichtet, das einen umfangreichen Einblick in das Werk bietet. Der Altar selbst kann in der Stadtkirche St. Johannis besichtigt werden.

Außerdem findet Mitte September die wissenschaftliche Tagung „Der Altar von Luca Cranach dem Älteren in Neustadt an der Orla und die Kirchenverhältnisse im Zeitalter der Reformation“ statt. Renommierte Wissenschaftler aus ganz Deutschland diskutieren über die Reformation, ihre Folgen und die Verbindungen dieser Themen zu unserem Altar in der Stadtkirche St. Johannis.

CM: Sie haben bereits verschiedene Konzerte erwähnt. Schaut man sich das Programmheft durch, hat man den Eindruck, dass Ihnen die Musik besonders am Herzen liegt.

RS: Ja, durchaus, Musik ist ein Schwerpunkt des Cranach-Jahres! Im Juli werden wir die Spielfreude des arcadia ensembles freiburg i. br. erleben. Sie bringen im Glaszelt auf dem Kirchplatz, in genauer Nachbarschaft zum Altar, die musikalische Welt der Zeit von Lucas Cranach d. Ä. zu Gehör, mit Werken von Josquin des Prez, Bartolomeo Tromboncino, Giovanni Antonio Casteliono, Jacob Arcadelt, der Sammlung Ammerbach und vielen anderen. Im August steht dann die Orgelmusik der Cranach-Zeit auf dem Programm, vorgetragen von den Marais Consorts für Gambe und Orgel an der historischen Finke-Orgel der Stadtkirche. Im September schließlich widmet sich das Ensemble für Alte Musik CANTUS THURINGIA & CAPPELLA dem Repertoire des 16. Jahrhunderts: Die Sänger, Flötisten, und Streicher bringen Musik von Johann Walter, Ludwig Senfl, Michael Altenburg und Michael Praetorius zu Gehör.

CM: Wird man in diesem Jahr eigentlich auch dem Jubilar selbst begegnen?

RS: Ja, im April wandeln wir mit den Herren das Alten Rates, den spätmittelalterlichen Ratsherren, auf den Spuren der großen Persönlichkeiten der Renaissance. Wir begegnen Luther und Cranach an den authentischen Orten und erfahren Wissenswertes über das Kloster der Augustiner-Eremiten, das Lutherhaus, die Stadtkirche St. Johannis und andere wichtige Zeugen der Vergangenheit. Im August unternehmen wir dann im Ambiente der Fleischbänke, der mittelalterlichen Ladenstraße der Fleischer, eine Zeitreise in das späte Mittelalter. Gaukler, Händler, fahrendes Volk, viel Musik und Kunst laden zu einem wahrhaften Spektakel ein!

CM: Das wird sicher auch Familien und Kinder begeistern. Gibt es auch besondere Angebote für die jüngeren Cranach-Freunde?

RS: Viele Veranstaltungen sind so ausgelegt, dass Sie für Kinder und Familien geeignet sind, sie beginnen beispielsweise bereits um 17.00 Uhr. Besonders zu empfehlen sind die Veranstaltungen in den Fleischbänken. Außerdem gibt es Führungen und museumspädagogische Angebote für Kinder und Jugendliche.

CM: Wir befinden uns in der Lutherdekade, das große Reformationsjubiläum 2017 rückt näher. Welche Rolle spielt Martin Luther im Neustädter Cranach-Jahr?

RS: Luthers Aufenthalte in Neustadt sind – anders als bei Cranach – gut dokumentiert. Er stand dem Kloster der Augustiner-Eremiten vor und besuchte mehrfach die Stadt. 1524 stellte er sich schützend vor den Cranach-Altar als er in der Stadtkirche gegen den Bildertürmer Karlstadt predigte.

Mehrere Veranstaltungen nehmen deshalb auch Luther in den Blick. Die Musik der Zeit Cranachs ist auch die Musik Luthers, und die beiden Veranstaltungen in Fleischbänken bieten interessante Einblicke in das Leben des großen Reformators.

CM: Herr Schwalbe, wir danken für dieses Gespräch.

Auskünfte zum Cranach-Jahr erteilt die Tourist-Information in Neustadt an der Orla.