Schneeberg

Lucas-Cranach-Altar in St. Wolfgang 

Lucas-Cranach-Altar in St. Wolfgang zu Schneeberg

Lucas Cranach d.Ä.
1532-1539
St. Wolfgang zu Schneeberg


Die Bedeutung des Schneeberger Flügelaltars aus der Werkstatt der Wittenberger Cranach-Familie ist eine internationale. Er ist das früheste und umfassendste protestantische Altargesamtwerk aus den Händen des Älteren und Jüngeren Cranach. Evangelischer Glaube hat damit seine Ikonographie, seine Bildgestalt erhalten. In ihm wird in einer genau zugeordneten Abfolge von Bildern das Gedankengut der Reformation – insbesondere Martin Luther selbst – dargestellt. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass Luther die Entstehung zwischen 1532 und 1539 begleitet und beraten hat. Neben anderen bedeutenden Altarwerken Cranachs, besonders in Wittenberg und Weimar, ist auch das Schneeberger Werk zuerst eine Predigt und Auslegung der Bibel an den Betrachter. Es will einladen, über Grundfragen des Menschseins im Lichte der biblischen Botschaft nachzudenken; und dabei zu entdecken, dass die Liebe Gottes in seinem Sohn Jesus Christus, dem Gekreuzigten  und Auferstandenen, den Menschen erlöst und befreit, freimacht zum Leben. Frei, indem der Mensch dieser Liebe traut – allein aus dem Glauben. Dadurch wird seine Verwicklung in Schuld und in die Vergänglichkeit gelöst und er erlöst zum ewigen Leben. Diese Gewißheit aber macht sein Leben sinn- und verantwortungsvoller, weil es gehalten und von Gott angenommen ist. Die Bildfolge predigt diesen Glauben dem Betrachter.

Der Altar wurde – der Bedeutung Schneebergs als Silberstadt halber – wohl durch den Sächsischen Kurfürsten Johann den Beständigen in Auftrag gegeben. Sein Sohn und Nachfolger, Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige, sowie dessen Stiefbruder Herzog Johann Ernst, sind aber die eigentlichen Stifter. Sie sind im inneren Öffnungszustand auch dargestellt (sog. Stiftertafeln). Der Altar wurde 1539 in der St. Wolfgangskirche zu Schneeberg in der heute wieder sichtbaren Form aufgestellt: als doppelt zu öffnender Flügel-Wandel-Altar. Er zeigt dem Betrachter einen Wochenzustand (Verlorenheit und Erlösung), einen Fest- und Sonntagszustand (Kreuzigung mit Stiftertafeln) und einen – durch Umgang nach dem Abendmahl sichtbaren – Rückzustand (Gericht und Auferstehung).

Die Urheberschaft wurde vielfach diskutiert. Insgesamt wird man sagen können, dass Lucas Cranach d.Ä. die Gesamtkonzeption erarbeitete, sein Sohn, Lucas Cranach d.J. aber maßgeblich an der Ausführung beteiligt war. So wird mindestens die Predella (Heiliges Abendmahl) ihm zugeschrieben. Die Mitwirkung der Werkstattmitarbeiter Cranachs ist ebenso unstrittig.

Der Weg des Schneeberger Altars durch die Geschichte ist abenteuerlich, ja wundersam. 1633 plünderten kaiserliche Landsknechte unter General Holck im Dreißigjährigen Krieg St. Wolfgang und raubten den Altar. Aus diesen Tagen ist die Geschichte des Küsters Andreas Horlemann überliefert, der sich der Gewalt entgegenstellte und seinen Mut mit dem Leben bezahlte. Der Altar konnte nach einer Irrfahrt von über 16 Jahren schließlich durch Vermittlung des Kurfürsten wieder der Kirche St. Wolfgang übergeben werden. Der Schneeberger Kaufmann Hans Tauscher war maßgeblich bei der Rückführung aktiv.

1719 brannte die Bergstadt Schneeberg, und auch die St. Wolfgangskirche wurde in Mitleidenschaft gezogen. Der Altar konnte aber der Brand überstehen. Bereits 1705 war man darangegangen, die Kirche im barocken Stil neu zu gestalten. So wurde durch Johann Christian Böhme ein Altaraufbau entwickelt, in dem nur noch das Mittelbild und die vordere Predella  Platz hatten. Alle Flügel wurden längs zersägt, dann aufgetrennt (die Tafeln sind immer von und hinten bemalt) und einzeln im Kirchenschiff angebracht. So waren die Cranach-Tafeln bis zum 19. April 1645, den "schwarzen Tag von Schneeberg", zu sehen. An diesem Tag, unmittelbar vor Kriegsende, geriet St. Wolfgang durch amerikanischen Tieffliegerbeschuß in Brand und wurde völlig vernichtet. Alle Löschversuche waren vergeblich. Das Stadtwahrzeichen brach zur Ruine zusammen. Nichts blieb vom Glanz des „Bergmannsdomes“, wie ihn der Volksmund nennt; bis auf sein wertvollstes Kleinod, den Lukas-Cranach-Altar. Bereits in den letzten Kriegsmonaten hatte man die sich in den Seitenschiffen befindenden Flügel zuzüglich der sechs Krodel-Bilder (Wolfgang und Martin Krodel d.Ä. waren Schüler Cranachs) und des Stahel-Epitaphen (ebenfalls von W. Krodel d.Ä.) von den Wänden genommen und notdürftig verpackt. Im Altaraufbau befand sich aber noch das Mittelbild und die vordere Predella. Durch einen beherzten Einsatz wurden diese beiden Bilder aus der Umrahmung gebrochen und mit den bereits verpackten Bildern im Pfarrhaus in Sicherheit gebracht. Für immer fiel den Flammen die hintere Predella, eine Auferstehungsszene, zum Opfer.

Die Chranach-Tafeln wurden später in der Hospitalkirche von Schneeberg im Altarraum angebracht. Bereits 1929 hatte der Kirchenvorstand die beiden Stiftertafeln verkauft. Später konnten die Originale aber wieder zurückerworben werden. Der Zustand der Bilder wurde immer schlechter, so dass die Gemeinde sich 1961 entschied, sie in die Hände des Landesdenkmalamtes Dresden zur Aufbewahrung und Restaurierung zu geben. Während eines wissenschaftlichen Kolloquiums 1969 fiel die Entscheidung, den  -  wohl anzunehmenden - Urzustand als doppelt zu öffnenden Flügel-Wandel-Altar wieder herzustellen. Seitdem wurde in der Restaurierungswerkstatt des Landesdenkmalamtes intensiv an den erhaltenen 11 Tafeln gearbeitet. Insbesondere die durch den Zerschnitt der Flügel und durch Temperaturschwankungen beschädigte Parkettierung der Bilder, stellte für die Restauratoren eine große Herausforderung dar. Erstmals wurde bei der Berliner Ausstellung "Kunst der Reformationszeit" 1983 die Mitteltafel in Berlin der Öffentlichkeit wieder gezeigt. 1993 begann die Fertigung der komplizierten Rahmenkonstruktion. Sie besteht im inneren aus einem Spezialguß und wird mit einer ornamentierten Neusilberverblechung abgedeckt. Der Altarblock empfindet die Einladung der vorderen Predella, das Heilige Abendmahl, nach. Aus Anlaß des 500. Bergstreittages wurde der Schneeberger Cranach-Altar in seiner wohl ursprünglichen Fassung durch die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde St. Wolfgang in einem festlichen Gottesdienst am 14. Juli 1996 wieder seiner Bestimmung übergeben. Er möge den Betrachter anhalten, das Werk unserer Vorfahren zu achten und uns zu Besinnung einladen.

Frank Meinel

Frank Meinel ist Pfarrer der Kirchengemeinde St. Wolfgang zu Schneeberg.