Dessau-Roßlau

Dessauer Fürstenaltar

Dessauer Fürstenaltar 
Lucas Cranach d.Ä.
1507-1509
Lindenholz (Flügel parkettiert)
106 x 92,5 cm, 106 x 42 cm, 106 x 42 cm
Anhaltische Gemäldegalerie, Dessau-Roßlau
Inv.-Nr. 7


Die drei Bildflügel sind nicht einfach Bilder oder Werke der "Kunst" im modernen Sinn. Sie gehören zum Schaukasten eines Andachtsaltars, der nur zu bestimmten Anlässen geöffnet wurde. Bei geschlossenem Zustand zeigte die Außenansicht ursprünglich die Wappen des sächsischen Herzoghauses, von denen aber nur noch Farbspuren auf den Außenseiten der Flügel sichtbar sind. Im aufgeklappten Zustand erscheint im Mittelbild die Madonna mit dem Jesuskind, gerahmt von zwei weiblichen Heiligen, Katharina und Barbara, sowie zwei anbetenden Engeln. Die Madonna und die Heiligen konnten hier als Fürbitter vor Gott und als bewährte Helfer in verschiedenen Nöten angerufen werden. Das Kind hält einen Apfel in der Hand, der an den Apfel Adams erinnert. Christus wird so als der neue Adam ins Gedächtnis gerufen, der die Erbsünde aufhebt und ein neues Weltzeitalter eröffnet.

Diese Gruppe wird erweitert durch die Malerei auf den Innenseiten der Flügel, auf denen zwei anbetende Stifter mit jeweils einem weiteren Schutzheiligen erscheinen. Die Gesichtszüge dieser beiden Anbeter lassen den Altar als besonderen Auftrag an den ausführenden Maler, den kursächsischen Hofmaler Lucas Cranach, erkennen. Es handelt sich auf dem linken Flügel unter der Figur des hl. Bartholomäus um dessen obersten Dienstherren, den reichen und angesehenen sächsischen Kurfürsten Friedrich III., genannt der "Weise". Der Heilige hält in der rechten Hand das Werkzeug seines Martyriums und legt seine linke Hand auf die Schultern des Stifters.

Auf dem rechten Flügel wendet sich der Bruder und Mitregent des Fürsten, Herzog Johann I., der "Beständige", dem Christuskind zu.

Über ihm steht als sein Schirmherr der Apostel Jakobus der Ältere. Die sich von beiden Seiten zuwendenden Stifter sind aber auch auf die beiden Gegenstände vor dem Kind ausgerichtet, Kelch und Hostie, Wein und Brot, in denen Christus in der Welt gegenwärtig ist. Die besondere Verehrung dieser leiblichen Gegenwart, die sonst in Andachten und Prozessionen ihren Ausdruck findet, wurde als "Ewige Anbetung" bezeichnet. Zugleich sind Kelch und Hostie hier als Attribute der heiligen Nothelferin Barbara wiedergegeben. Das auf der linken Seite liegende Schwert ist ebenfalls ein Symbol; es lässt die nach dem Kinderärmchen greifende, einen Ring in Empfang nehmende Frauengestalt als die heilige Nothelferin Katharina wahrnehmen.

Die Stifter verfolgten mit diesen Darstellungen ihrer Anbetung mehrfache Zwecke. In die Andachten und die Anbetung des Sakraments in Messfeiern vor diesen Bildern waren sie mit eingeschlossen, zu Lebzeiten wie danach. Durch begleitende Messstiftungen sorgten die Stifter üblicherweise dafür, dass ihre "Memoria" an den entsprechenden Altären gesichert war. Mit dieser war nicht ihr weltlicher Ruhm, sondern das Angedenken zugunsten ihrer Seele gemeint. Solange ihre Namen in Gebeten eingeschlossen waren, fielen ihre Seelen nicht in das Fegefeuer, das allen Sündern in der Wartezeit auf das Jüngste Gericht bevorstand.

Es sind mehrere weitere Altäre Cranachs mit Stifterdarstellungen der beiden Fürstenbrüder, bzw. einzelne solche Tafeln aus verlorenen Altären bekannt, die sich heute in Frankfurt, Coburg, Karlsruhe und Kopenhagen befinden. Von der Feinheit der unter der Malschicht liegenden Unterzeichnung her (die man in infrarotreflektografischen Aufnahmen sehen kann) und der Ausführungsqualität der Malerei nehmen der 1509 für die Marienkirche in Torgau ausgeführte Annenaltar (heute Frankfurt) und der vorliegende, geringfügig spätere Altar den höchsten Rang ein. Die Malerei der Mitteltafel führte ein auch in anderen Gemälden erkennbarer Geselle über Cranachs Unterzeichnung aus; in den Seitenflügeln, insbesondere in den Gesichtern und Gewändern der Heiligen, finden wir dagegen die Pinselschrift des Meisters. Diese Eigenhändigkeit ganzer Partien war bei Cranach eine Ausnahme. In fast allen späteren Werken delegierte er die gesamte Ausführung. Als er diesen Auftrag übernahm, war er etwa fünf Jahre in der kursächsischen Residenzstadt Wittenberg als Hofmaler und vielseitig agierender Hofangestellter tätig.

Cranachs Komposition des Dessauer Altars mit knapp lebensgroßen Halbfiguren auf den Seitenflügeln folgt dem Vorbild von Dürers Dresdner Altar (die Maße des Mittelbildes  betragen 105,5 x 95 cm, in der Höhe etwas verkleinert), der zusammen mit weiteren Werken des Nürnberger Meisters von Friedrich dem Weisen für seine Schlosskirche in Wittenberg in Auftrag gegeben worden war. In diesem Kirchenraum befand sich Friedrich größter Schatz, seine viele Tausend Reliquien umfassende Heiltumssammlung, die in kostbaren Gefäßen präsentiert war.

Cranach hatte den Auftrag übernommen, in Holzschnitten die herausragenden Stücke zu veröffentlichen. "Reliquien und ordnungsgemäßer Gottesdienst galten der Zeit als wichtige Voraussetzungen für den Segen Gottes über die Dynastie und Land" (Stievermann). Möglicherweise war der Dessauer Altar ebenfalls für diesen besonderen Kirchenraum bestimmt; einen zusätzlichen Bezug könnte er darin für den 1512 fertiggestellten Marienchor gehabt haben. Der Altar steht einerseits in der mittelalterlichen Tradition der Heiligendarstellung. Doch andererseits verlangt er die Jenseitsvorstellungen in die nachprüfbare Beobachtung. Seine Heiligen stehen nicht mehr isoliert vor jenseitigem Goldgrund, sondern nehmen Kontakt zueinander auf, sind körperlich greifbar in Licht und Schatten, mit charakteristisch ausgeprägten Gesichtszügen. Ihre Heiligenscheine sind unauffällig in zarte Goldstreifen aufgelöst. Das Problem der angemessenen Vergegenwärtigung, das im Bildersturm der wenige Jahre später ausbrechenden Reformation artikuliert werden sollte, ist bereits spürbar. Es ist in den Altartafeln unterschiedlich gelöst. Die süßliche Verklärung der Gesichter der Madonna und der weiblichen Heiligen bewältigt es weniger überzeugend als es die naturwahren Köpfe auf den Flügeln tun.

Claus Grimm