25.02.2015 15:51 Alter: 3 yrs
Kategorie: Artikel

Lucas Cranach, seine Werkstatt und die Buchkunst

Lucas Cranach und seine Werkstatt haben auch in der Buchkunst Bedeutendes geschaffen. Silvia Pfister gibt einen Überblick über diesen Aspekt ihres Schaffens und stellt einige Titeleinfassungen der Cranach-Werkstatt vor.


Ab dem 30. Oktober 2015 zeigt die Landesbibliothek Coburg unter dem Titel Buch, Bild und Glaube. Luther, Cranach, Spalatin, eine Ausstellung die ganz dem buchkünstlerischen Schaffen von Lucas Cranach und seiner Werkstatt gewidmet ist. Die Leiterin der Landesbibliothek und Kuratorin der Ausstellung Dr. Silvia Pfister führt in einer Artikelserie des Cranach-Magazins in diesen bislang weitgehend vernachlässigten Aspekt des Cranach’schen Werkes ein.

Cranach und die Buchillustration

Aus dem reichen und vielfältigen Schaffen Cranachs und seiner Werkstatt sind die Werke der Malerei und Druckgraphik am bekanntesten. Nicht ganz so geläufig ist sein Anteil an der Buchproduktion seiner Zeit, als der Druck mit beweglichen Buchstaben (der „Buchdruck“) gerade erst „den Windeln“ entwachsen war und sich mit unglaublicher Rasanz zum Motor einer alle Kreise erfassenden Kommunikationskultur entwickelte. Die daraus erwachsenden Umbrüche einschließlich aller Verunsicherungen lassen schon vieles von dem erkennen, was wir gerade in noch viel gewaltigerem Ausmaß durch das Internet erleben. Als Verleger mit eigener Druckerei (ab 1523) hat Cranach Vater die neuen Möglichkeiten zweifellos erkannt.

Das Phänomen der künstlerischen Produktion Lukas Cranachs und seiner Werkstatt ist ohne ein Kapitel über die Buchillustration nicht vollständig darzustellen. Cranachs Buchgraphik gilt wegen der zahllosen kleinen, oft nur der Tagespolemik dienenden Druckschriften aus den ersten Jahrzehnten der Reformation, in denen sie aufzuspüren ist, als ein kaum überschaubares und schwer abzugrenzendes Gebiet, das zudem den Ruf einer höchst unterschiedlichen, manchmal nur mittelmäßigen Qualität trägt. In der Cranach-Literatur ist sie daher, abgesehen von thematisch begrenzten Spezialuntersuchungen, meist stiefmütterlich und wenig systematisch behandelt worden.“ (Dieter Koepplin – Tilman Falk: Lukas Cranach. Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik. Basel – Stuttgart 1974, S. 307).

Der Meister und seine Werkstatt

Es entspricht den Konventionen der Kunstgeschichtsschreibung, eigenhändige Werke Cranachs von Werkstattarbeiten unterscheiden zu wollen und nur erstere ausführlich zu würdigen. Das bekannt arbeitsteilige Vorgehen im Cranach‘schen Großbetrieb macht eine solche Differenzierung problematisch. Geben und Nehmen zwischen Meister und Mitarbeitern (Kleinmeistern) bzw. Söhnen dürfte wesentlich vielschichtiger gewesen sein. Das hängt mit dem Herstellungsprozess von Drucken (Einblatt-Holzschnitte, Buchillustrationen, Buchtitelschmuck) generell zusammen - von der Entwurfszeichnung auf Papier über die Übertragung auf den Druckstock (durch den Künstler selbst oder einen Reißer) bis hin zum Schneiden der eigentlichen Druckvorlage (gemeinhin durch den Formschneider) - wie mit dem Verwenden von Versatzstücken in Cranachs Werkstatt (Kopfformen, Faltenwürfe, Motive, Bildaufbauten, Darstellungstechniken etc.), und zwar über Gattungsgrenzen hinweg. Auf diese Weise entstand ein deutlich erkennbarer Werkstattstil, an dem Cranach selbst zweifellos Anteil hatte, den er überwachte und auf den er auch immer wieder gestalterisch einwirkte. Nicht zu vergessen ist dabei auch, dass im 16. Jahrhundert Vorstellungen von authentischen Schöpfungen im Zusammenhang mit Kunst noch keine Rolle spielten, was nicht ausschließt, dass Kunstfertigkeit im Sinne von perfekter imitatio der sichtbaren Welt hohes Ansehen verlieh. Bildliche Darstellungen dienten einem Zweck. Sie vermittelten Inhalte und damit verbundene Programme meist religiös-theologischer und/oder politisch-dynastischer Art. Auftraggeber bzw. - wie im Fall Luthers oder Spalatins - Verfasser zu illustrierender Texte nahmen auf die Bildgestaltung daher Einfluss. Siehe dazu die folgenden Einzelbeiträge.

Grafische Einfassungen von Titelblättern

Von dem Verdikt reiner Werkstattarbeiten waren nicht zuletzt die Titeleinfassungen gedruckter Bücher betroffen. Sie entstanden vor allem zwischen 1518 und 1533 und machten in dieser Zeit den größten Teil der Cranach‘schen Holzschnittproduktion aus. Diese 15 Jahre waren für die Reformation und die Entwicklung des lutherischen Bekenntnisses von größter Wichtigkeit, für das Cranach bekanntlich den bildkünstlerischen Ausdruck schuf, auch wenn keineswegs nur Titelblätter für Lutherschriften entstanden. Bestimmte Rahmen wurden außerdem für mehr als einen Titel verwendet, teils innerhalb eines zusammenwirkenden Netzwerks mit Einverständnis weitergegeben, teils ohne Erlaubnis nachgeschnitten.

Literatur zu diesem Thema: Dieter Koepplin – Tilman Falk: Lukas Cranach. Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik. Basel – Stuttgart 1974.

Beispiele für Titeleinfassungen

 

Landesbibliothek Coburg: Lu Ia 1518,7

Martin Luther: Außlegu[n]g deutsch des Vatter vnnser fur die Eynfeltigen Leyen, Doctoris Martini Luther, Augustiner tzu Wittemberg. Nicht fur die gelerten. [Wittenberg] : [Lotter], [1520]. - Titelrahmen auf schwarzem Grund mit Putten und Mischwesen, unten Druckermarke Melchior Lotters [nicht Melanchthons!] von Lucas Cranach d.Ä.– leider ein Stück abgerissen.

 

Landesbibliothek Coburg: Lu Ia 1523,5

Luther, Martin: Eyn Sermon auff den Pfingstag. Uuittemberg : [Schirlentz], 1523. - Titelrahmen mit Satyrfamilie aus der Werkstatt Lucas Cranachs d.Ä.

 

Landesbibliothek Coburg: Lu Ia 1524,18

Luther, Martin: Das Elltern die kinder zur Ehe nicht zwingen noch hyndern, Vnd die kinder on der elltern willen sich nicht verloben sollen. [Wittenberg] : [Cranach und Döring], [1524]. -Titelrahmen mit Tonnengewölbe auf Säulen, darunter zwei Engel mit der Lutherrose (Schutzmarke Luthers gegen unberechtigte Nachdrucke) aus der Cranachwerkstatt für einen Druck aus der eigenen Druckerei.

Dieser Rahmen wurde 1524 noch für mindestens zwei weitere bei Cranach und Döring erschienene Lutherdrucke verwendet: "Offenbarung des Endchrists aus dem Propheten Daniel" (Lu Ia 1524,1) und "Der hundertsiebenundzwanzigste Psalm ausgelegt" (Lu Ia 1524,31).

 

 

Landesbibliothek Coburg: Lu Ia 1527,6

Luther, Martin: Das diese wort Christi (Das ist mein leib etce) noch fest stehen widder die Schwerm geister. Wittemberg : Lotther, 1527. - Titelrahmen mit Hirschen in Landschaft von Lucas Cranach d.Ä.

 

Landesbibliothek Coburg: Lu Ia 1530,27

Luther, Martin: Das XXXVIII vnd XXXIX Capitel Hesechiel vom Gog. Wittemberg : Schirlentz, 1530. - Titelrahmen mit Trinität, zwei Propheten und Geburt Christi aus der Werkstatt Lucas Cranachs d.Ä. Unten rechts und links Wappenschilde mit den Zeichen Luthers (Rose) und Melanchthons (Kreuz mit Schlange); dazwischen die Initialen des Druckers Nickel Schirlentz.

Silvia Pfister

Dr. Silvia Pfister ist Leiterin der Landesbibliothek Coburg.